Keine Klimagerechtigkeit ohne Handelsgerechtigkeit

09. Dezember 2020

Keine Klimagerechtigkeit ohne Handelsgerechtigkeit

Die internationale Fair-Trade-Bewegung fordert die Parteien der Klimarahmenkonvention UNFCCC auf, ihren Verpflichtungen aus dem Pariser Abkommen nachzukommen und faire Handelspraktiken in den globalen Lieferketten als unverzichtbar für Klimagerechtigkeit zu priorisieren. 

Die Klimakrise ist ungerecht – ihre Auswirkungen spüren diejenigen am stärksten, die am wenigsten dafür verantwortlich sind. Die Kleinbäuer*innen im globalen Süden leiden unter den Auswirkungen des Klimawandels: Dürren und Überschwemmungen, veränderte Reife- und Erntemuster, neue klimabedingte Schädlinge, Unkraut und Krankheiten  sowie geringere Erträge. Bei der COVID-19-Pandemie gilt dasselbe: Die am stärksten marginalisierten Bevölkerungsgruppen sind am meisten betroffen, da sich die Ausbreitung der Infektion und/oder Sperrmaßnahmen negativ auf ihre Arbeit und ihren Handel auswirken.

Klimakrise verstärkt globales Machtgefälle

Sowohl die Klima- als auch die COVID-19-Krise sind Symptome des gleichen Problems: Sie zeigen die engen Zusammenhänge zwischen dem globalen Wirtschaftsmodell und den grösseren Gesundheits- und Umweltkrisen auf, denen wir uns auch im Verlust der biologischen Vielfalt, Entwaldung usw. gegenübersehen. Ein Wirtschaftsmodell, bei dem ein erhebliches Machtungleichgewicht in den Versorgungsketten bedeutet, dass arme und marginalisierte Produzent*innen und Arbeiter*innen in den globalen Lieferketten in ständiger Armut mit nicht tragfähigen Lebensgrundlagen gehalten werden, während internationale Handelsunternehmen und Einzelhändler auf der Grundlage der Ernten und Produkte von Kleinbäuer*innen, kleiner und mittlerer Unternehmen Aktiengewinne erwirtschaften. Ein Schlüsselbeispiel ist die Entwaldung, die vor allem durch das derzeitige Muster für Kakao- und Kaffee-Liefeketten vorangetrieben wird. Eine kleine Gruppe grosser Akteure im globalen Norden erzielt hohe Gewinne, während die Bäuer*innen im globalen Süden unter Druck gesetzt werden, immer mehr Produkte zu Preisen unterhalb der Produktionskosten zu liefern, was oft zu unerwünschten Praktiken wie Abholzung, Kinderarbeit und dauerhafter Armut führt.

Klimaschutz und Armutsbekämpfung müssen Hand in Hand gehen

Es liegt auf der Hand, dass die Bekämpfung der Armut und der Ungleichheit in diesen Lieferketten notwendig ist, um Nachhaltigkeitspraktiken anzugehen, insbesondere solche, die das Klima beeinflussen. Die Priorität muss weg von der grossflächigen, industriellen Landwirtschaft und in erster Linie hin zu einer Handelsgerechtigkeit für Kleinbäuer*innen verlagert werden, die es ihnen ermöglicht, sowohl die Klimakrise als auch die COVID-19-Pandemie zu überstehen. Dies wird zunehmend auch in der unabhängigen Forschung belegt, zuletzt in dem jüngsten IFAD-Bericht. Obwohl die spezifischen Herausforderungen für Bäuer*innen, Handwerker*innen und Arbeiter*innen in anderen globalen Lieferketten, wie z.B. in der Textil- und Modeindustrie, unterschiedlich sind, bleibt die Notwendigkeit, die Armut zu bekämpfen, um ökologische Nachhaltigkeit und Klimaanpassung zu gewährleisten, die gleiche.

Pionierarbeit: Die Fair Trade Bewegung zeigt, dass ein Wandel möglich ist

Die Transformation nachhaltiger Produktions- und Konsummuster steht im Mittelpunkt der Veränderungstheorie der Fair-Trade Bewegung. Sie ruft alle Akteur*innen auf: einen fairen, gerechten und lohnenden Preis für die Produzent*innen zu bezahlen, der es ihnen ermöglicht, in Würde von ihrer Arbeit zu leben und in agro-ökologische Produktionsweisen zu investieren. Die Fair Trade-Bewegung bietet funktionierende alternative Geschäftsmodelle, die durch transparente, langfristige Geschäftspartnerschaften funktionieren, mit dem Ziel, einen menschenwürdigen Lebensunterhalt zu sichern und gleichzeitig die Arbeitsbedingungen, die Rechte der Frauen, die Rechte der Kinder, die Rechte der Arbeitnehmer*innen und die ökologische Nachhaltigkeit zu schützen. Sie zeigt, dass eine Wirtschaft, die sich für die Menschen und den Planeten einsetzt, lebensfähig und aktiv ist, und zwar durch verschiedene Akteure, wie Fair-Trade Unternehmen, bei denen es sich um umfassend Fair Trade Unternehmen mit einem entsprechenden Unternehmenszweck sowie solche Unternehmen handelt, die Fairtrade-zertifizierte Produkte beziehen. Die Fair-Trade-Bewegung intensiviert auch zunehmend ihr politisches Engagement für Menschenrechte und ökologische Sorgfaltspflicht.

Die Transformation des globalen Handels benötigt Kooperation zwischen Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

Es besteht die Notwendigkeit, staatliche Richtlinien und verbindliche Unternehmensregulierung zu implementieren. In diesem Bereich sind politische Entscheider*innen und Vertragsparteien der UNFCCC wichtige Akteure für Fortschritte bei der Erfüllung ihrer Verpflichtungen im Rahmen des Pariser Abkommens. Nationale Regierungen,  Unternehmen und Bürger*innen – Verbraucher*innen – müssen zusammenarbeiten, um die nachhaltigen Entwicklungsziele der UN (SDG), und darunter SDG 12 für nachhaltige Produktion und nachhaltigen Konsum, effektiv zu verfolgen, die für die Verwirklichung der Ziele des Pariser Abkommens von entscheidender Bedeutung sind. Damit Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel wirklich erreicht werden können, muss politische Kohärenz sicherstellen, dass der Handel fair ist und zu menschenwürdigen Bedingungen für marginalisierte Kleinbäuer*innen (darunter beispielsweise diejenigen, die von den Wertschöpfungsketten für Kakao, Kaffee und Bananen leben) und gefährdete  Produzent*innen, Handwerker*innen und Arbeiter*innen auf der ganzen Welt stattfindet. Solange diejenigen, die am Anfang globaler Wertschöpfungsketten stehen, durch unverhältnismäßige Ungleichgewichte in den Machtverhältnissen im Handel zurückgelassen werden, wird die Klimakrise nicht gelöst werden.

Build Back Fairer! Wirtschaftlicher Wiederaufbau muss sozial und ökologisch gerecht sein

Der jüngste Aufruf der Fair-Trade-Bewegung für einen faireren Neustart „Build Back Fairer“ macht deutlich, dass wir in einer Welt nach der COVID-19-Pandemie nicht zum „business as usual“ zurückkehren können. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die Wiederaufbaubemühungen die Schaffung einer neuen Wirtschaft gewährleisten, die Fair-HandelsUnternehmen, Fairtrade-zertifizierte Erzeugerorganisationen und andere soziale Unternehmen einschließt und unterstützt. Eine Wirtschaft, in der klima- und handelspolitische Anreize für faire und klimafreundliche Produkte durch verbindliche Standards für Sorgfaltspflichten bezüglich Menschenrechten und Umweltschutz, eine reformierte Besteuerung und ein Verbot unlauterer Handelspraktiken in allen Sektoren geschaffen werden. Um diese neue Wirtschaft zu erreichen, müssen öffentliche Konjunkturpakete als Teil der Covid-19-Konjunkturprogramme an die Bedingung geknüpft werden, dass die Unternehmen Sozial- und Umweltstandards einhalten, die den Standards von Fair-Trade-Unternehmen und der Fairtrade-Zertifizierung entsprechen.

Gemäss unserer Forderung im Rahmen des gemeinsamen Positionspapiers der Fair Trade-Bewegung zur letztjährigen Klimakonferenz (COP 25) müssen Kleinbäuer*innen bei den COP-Verhandlungen Priorität erhalten. Konkret müssen Kleinbäuer*innen bei der Entwicklung von der nationalen Aktionspläne  zur Umsetzung der Pariser Erklärung, bei der Festlegung von Bestimmungen für technisches Fachwissen und Unterstützung bei der Umsetzung nachhaltiger Produktionsweisen, bei besseren Zugangsmöglichkeiten zu Finanzmitteln und Klimarisikoversicherungen sowie bei der Förderung von digitalen und Infrastrukturmassnahmen als Teil der Klimaanpassung einbezogen werden. Darüber hinaus sollte die Last des Übergangs zu CO2-armen oder -freien landwirtschaftlichen Lieferketten nicht allein den Bäuer*innen, Arbeiter*innen oder Handwerker*innenn aufgebürdet werden – sie müssen von allen Akteuren in der Lieferkette angemessen unterstützt werden.

Im Namen der Unterzeichnenden
Fairtrade International, Fairtrade Deutschland, Fair Trade Advocacy Office (FTAO), Fair World Project, GEPA – The Fair Trade Company, Forum Fairer Handel, EZA Fairer Handel, Swiss Fair Trade, Commerce Équitable France, World Fair Trade Organization (WFTO), Equo Garantito, Coordinadora Estatal de Comercio Justo, Polish Fair Trade Association, Fair Trade Scotland Ltd., Scottish Fair Trade Forum, Oxfam Magasins du Monde, Traidcraft Exchange

Das internationale Statement können Sie hier auf Englisch lesen.

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