Braucht es ein Gesetz für eine nachhaltige Textilindustrie?

19. Februar 2020

Braucht es ein Gesetz für eine nachhaltige Textilindustrie? 

 

KonsumentInnen kaufen heutzutage 60% mehr Kleider als vor 15 Jahren, tragen sie aber nur halb so lange. Mit diesem Statement eröffnet der OECD Generalsekretär Angel Gurria das «OECD Forum on Due Diligence in the Garment and Footwear Sector». Rund 400 Personen aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Regierungen sind in Paris zusammengekommen, um Strategien für ein besseres Leben von TextilarbeiterInnen zu entwickeln.

Der Coronavirus sowie die Handelsstreitigkeiten zwischen China und USA sind nur zwei Beispiele, wie bestehende Lieferketten schnell unter Druck geraten können. Gemäss Dan Rees, Direktor des Better work Programmes der ILO, müssen sich Händler vermehrt auf solche Störungen einstellen: «Wenn bestehende Lieferketten unter Druck geraten, entstehen Reibungen. Diese können sich in Überstunden, Belästigungen sowie Weitervergabe von Aufträgen an Unterlieferanten äussern».

Neue ILO Konvention
Die ILO stellt in diesem Zusammenhang das im letzten Jahr beschlossene ILO Übereinkommen 190 zur Verhütung, Behebung und Beseitigung von Gewalt und Belästigung in der Arbeitswelt vor. Die neue Konvention ist umfassend und gilt auch für Gewalt und Belästigung, die ausserhalb des Arbeitsplatzes stattfindet. Die Konvention wird in Kraft treten, sobald sie von zwei Länder ratifiziert wurde und wird noch in diesem Jahr erwartet.

Optionen für Textilunternehmen
Die Interessenvertreter aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Regierungen sind sich im Ziel einig, dass die Produktion und Herstellung von Textilien einen positiven Effekt auf das Leben von TextilarbeiterInnen haben sollte. Um dies zu erreichen wurden unterschiedliche Ansätze und Methoden diskutiert.

Neben der Durchführung einer freiwilligen Due Diligence für Unternehmen gemäss den OECD Guidelines werden auch auf legislativer Ebene Massnahmen diskutiert – ganz im ähnlichem Rahmen wie in der Schweiz zur Konzernverantwortungs-Initiative. Auf internationaler Ebene sind dies vor allem eine transparente Berichterstattung oder ein weitergehendes Gesetz mit entsprechenden Beschwerde- und Haftungsmöglichkeiten.

Top Priorität für EU
Die EU hat das Thema als eine top Priorität in ihren Agenden vermerkt und die entsprechenden Interessengruppen bringen ihre Forderungen nun ein. So sind Vertreter von internationalen Modemarken offen für ein solches Gesetz, verlangen aber einen ganzheitlichen, skalierbaren und branchenübergreifenden Ansatz, der auf den bisherigen Anstrengungen der Unternehmen aufbaut. Vertreter von Zivilgesellschaft verlangen vor allem ein Gesetz, welches auf die Wirkung, also auf Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern fokussiert sowie Sanktionsmechanismen inkludiert. Genau hier liegt aber das Grundproblem der Industrie verborgen. Denn so lange die Textilindustrie so fragmentiert und die Rückverfolgbarkeit so nebulös ist, werden noch viele Debatten notwendig sein.

Bestehende Lösungen
Der Diskussion voraus sind schon einige internationale Textil-Standards , wie z. B. der Fairtrade Textil Standard oder der bioRe Sustainable Textiles Standard. Neben der transparenten Rückverfolgbarkeit bis zum Baumwoll-Bauern/Bäuerin und der Bezahlung eines fairen Preises beinhalten sie auch eine ökologische Produktion ohne Gentechnik.

EU Entscheid erwartet
Es ist anzunehmen, dass mit der EU Präsidentschaft von Deutschland in der zweiten Jahreshälfte 2020 erste Ansätze von der EU vorgestellt werden. Spätestens dann werden auch Schweizer Unternehmen ihre Strategien für eine nachhaltige Herstellung von Textilien erstellen müssen.

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